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Überlandwerk Rhön

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Bei Sturm unter Strom

(vom 18.02.2020)

Was bei Stromausfall im ÜW passiert.

Deshalb geht das Licht wieder an.

Ein Bericht von Ralph Rautenberg, Streutal-Journal, zum Sturmtief "Sabine".

Das Licht flackert und erlischt, der Bildschirm wird schwarz, das Telefon zeigt: „Netzwerkfehler“. Stromausfall. So ging es am vergangenen Dienstagnachmittag wohl nicht nur uns in unserer Redaktion in Mellrichstadts Hauptstraße. Die Ausläufer von Sturmtief „Sabine“ hatten am Nachmittag für einen massiven Stromausfall im Streutal gesorgt. Doch so schnell wie er gekommen war, so schnell gingen die Lichter auch wieder an. Verantwortlich dafür sind die Mitarbeiter im Überlandwerk, die bestens auf solche Fälle vorbereitet sind, wie wir im Gespräch erfahren durften. 

Entspannt und fröhlich begrüßt uns Roland Göpfert am Freitag in seinem Büro. Der Technische Leiter hat sozusagen die „Oberaufsicht“ über das Stromnetz der Überlandwerk Rhön (ÜWR) Gmbh. Er, bzw. seine Mitarbeiter, sind diejenigen, die im Fehlerfall entscheiden müssen, was zu tun ist und dafür zu sorgen haben, dass Häuser und Firmen möglichst schnell wieder „Saft“ bekommen. Nachdem das, wie am Dienstag, meist reibungslos und innerhalb kürzester Zeit geschieht, macht man sich gar keine großen Gedanken, was eigentlich dahintersteckt.

Denn es sind ja nicht nur die Leitungen im Streutal, die man beim ÜWR im Blick haben muss. Das Zuständigkeitsgebiet erstreckt sich bis nach Hessen und Thüringen. 1.142 Quadratkilometer Fläche mit 1.100 Kilometern Mittelspannungsleitungen (20.000 Volt, die dafür sorgen, dass der Strom möglichst ohne große Verluste diese Distanzen überbrückt) und 2.500 Kilometern Ortsnetzleitungen, die uns den Strom wie wir ihn kennen an die Steckdosen bringen. Jeder Meter davon kann eine Fehlerquelle sein, egal ob Freileitung (über Masten verlegt) oder Kabel in der Erde.

Zum Glück müssen die Fachleute das Netz nicht „von Hand“ kontrollieren. Das wäre schlichtweg unmöglich. 3.600 Kilometer Netz, das ist grob so weit wie von Mellrichstadt nach Moskau. Luftlinie. Und zwar hin und zurück. Doch dafür gibt es ja das Netzleitsystem. Das kontrolliert das gesamte Netz samt Schaltstationen automatisch, so dass keiner mehr dauerhaft in der Warte, sozusagen dem Hirnzentrum des ÜW-Netzes, ausharren muss. Tritt eine Störung auf, gibt das System von selbst Alarm. Dabei unterscheidet es zwischen „unkritischen“ und „kritischen Fehlern“. Bei der ersten Kategorie wird lediglich ein Hinweis ausgegeben, das z. B. ein Bauteil langsam an Funktionsfähigkeit einbüßt und ggf. bald getauscht werden muss.

 

Am Dienstag um kurz vor 15.00 Uhr lag allerdings ein „kritischer Fehler“ vor. Das heißt es ertönte tatsächlich ein durchdringender Sirenenton, wie Roland Göpfert in einer Demonstration veranschaulicht. Da wissen die Mitarbeiter: „Jetzt ist sofortiges Handeln erforderlich.“ Das System zeigt an ob und wenn ja welche Kunden bzw. Bereiche nicht mehr mit Strom versorgt werden. „Derjenige, der reingeht, verschafft sich ein Bild der Lage und entscheidet über die Maßnahme“, erklärt Göpfert.

Der umgestürzte Baum im Bischofsbergweg am Dienstag traf ausgerechnet eine der Hauptleitungen. Ein Teil von Mellrichstadt, die Stadtteile Eußenhausen, Mühlfeld, Roßrieth und Sondheim/Grabfeld, Teile von Unsleben sowie Oberstreu und Mittelstreu waren ohne Strom. Hendungen hatte Glück, dass es zu diesem Zeitpunkt über eine andere Leitung versorgt wurde, sonst wäre es auch dort dunkel geworden.

Für Mellrichstadt gibt es zwei Hauptversorgungsleitungen. Die betroffene, aus Brendlorenzen kommend, und eine aus Nordheim. Auf letztere wurde umgeschaltet, so dass nach nicht einmal zwei Minuten der Strom wieder da war. Im gesamten Netzbereich verteilt sind Schaltstationen, die vom Hauptsystem aus fernsteuerbar sind. Göpfert vergleicht diese mit dem Sicherungskasten im Haus oder in der Wohnung. „Nur steht bei uns eben nicht ‚Küche‘, ‚Bad‘ oder ‚Wohnzimmer‘ dran“, schmunzelt der Technische Leiter. Sondern eher Ostheim, Stockheim oder Fladungen. Zum Ein- bzw. Ausschalten genügen ein paar Klicks am PC (natürlich gesichert, so dass man nicht mal versehentlich z. B. Sondheim/Rhön abschaltet).

So weit, so gut. Aber was ist, wenn das Ganze nicht um drei Uhr nachmittags passiert, wenn die Büros besetzt sind, sondern um vier Uhr morgens? Auch dann ist schnelles Handeln garantiert. Insgesamt fünf Mitarbeiter haben zu Hause die gleiche Technik stehen, wie in der Warte. Kommt es zum kritischen Fehler alarmiert sie das System per Telefon. Zunächst auf dem Betriebsfestnetz, dann auf dem privaten Festnetz, dann auf dem Diensthandy. Sollte der Diensthabende dann immer noch nicht erreicht werden, werden die vier anderen alarmiert. Wenn die Stromversorgung durch Umschalten, wie am Dienstag, wiederhergestellt werden kann, dann geht es auch in solchen Fällen blitzschnell.

 

Doch nicht immer ist die Lage so einfach. Es gibt auch Gebiete, die nur über eine Leitung versorgt werden oder Schaltstationen, die nur manuell bedient werden können (eine solche kann man in diesem Jahr anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des ÜWR im Freilandmuseum Fladungen begutachten und sich selbst einmal am Kurbeln versuchen). Wenn hier eine Störung auftritt bleibt der Strom weg, bis diese behoben wurde. In der Nacht von Sonntag auf Montag etwa, als „Sabine“ mit voller Wucht übers Land zog, gab es im Bereich Wegfurt / Schönau einen vergleichsweise längeren Ausfall. Allerdings um drei Uhr am Morgen, so dass es wohl die wenigsten mitbekommen haben dürften.

Wobei „länger“ auch nur in Minuten gemessen wird. Repariert wird so schnell es geht. Liegt doch einmal ein größerer Fehler vor, wird mit einem Notstromaggregat überbrückt. Das ist kein kleines Gerät, das an einen Rasenmähermotor erinnert, wie man es vielleicht von der Party im Grünen kennt. Das sind komplette Lkw-Anhänger, die problemlos mehrere Ortschaften versorgen können. In Deutschland liegt die durchschnittliche Unterbrechungsdauer der Stromversorgung pro Kunde bei etwa 12 Minuten. Im Jahr. Das Überlandwerk Rhön toppt diesen Wert deutlich und hat nur etwa ein Drittel davon, also rund 4 Minuten, wie Göpfert berichtet.

Dafür stehen rund um die Uhr zehn Mitarbeiter in Rufbereitschaft, die auch die schweren Geräte (Lkw, Steigerfahrzeug oder Unimog) bedienen können. Ist ein Ereignis wie „Sabine“ vorhersehbar, stellt man sich natürlich beim ÜWR schon darauf ein. Die Fahrzeuge sind vollgetankt, die Maschinen geprüft, die Motorsägen geschärft. Zudem sind auch nicht im Dienst befindliche Mitarbeiter alarmbereit. Die größten Gefahren, die Stürme bergen sind – wie am Dienstag geschehen – umstürzende Bäume aber auch umherfliegende Gegenstände bzw. Äste. Um die entstandenen Schäden zu beheben, muss oft in unwirtliches Gelände vorgedrungen werden. Die Strommasten haben eine Höhe von elf bis 15 Metern. Schwindelfrei sollte man also besser auch sein.

 

Natürlich sind die Fahrzeuge speziell für diese Einsätze konzipiert. „Die kaufen wir nicht von der Stange. Unsere Mitarbeiter nennen sie ‚fahrende Einfamilienhäuser‘. Ein Fahrzeug kostet schonmal 300.000 Euro“, so Göpfert. Im Lager stehen sie jederzeit bereit, ebenso wie die Notstromaggregate. Das Überlandwerk selber bleibt übrigens bei einem Stromausfall immer voll funktionsfähig. Dieselaggregat und Batterieanlagen sorgen für Strom und auch die Kommunikation funktioniert, selbst wenn das Telefon- bzw. Mobilfunknetz ausfallen sollte. Dafür gibt es einen betriebseigenen Digitalfunk. Und im Zweifelsfall gilt: „Hinfahren und per Hand schalten geht immer“.

„Am Strom hängt alles“, stellen Roland Göpfert und Christoph Hergenhan, Abteilungsleiter Netzbetrieb, fest. Daher ist auch jeder Unternehmer gut beraten, für den Notfall in sensiblen Bereichen selbst eine Notstromversorgung bereit zu halten. Denn Garantien, dass es nie zur Stromunterbrechung kommt, könne das ÜWR verständlicherweise nicht aussprechen, betont Göpfert. Die Disziplin der Kunden sei jedenfalls lobenswert. „In den ersten zehn Minuten bekommen wir kaum Anrufe. Erst wenn es länger dauert wird nachgefragt.“ Daraus spricht das Vertrauen auf die schnelle Handlungsfähigkeit des heimischen Versorgungsdienstleisters. Am Strom hängt alles – und bei uns fließt er mit größtmöglicher Zuverlässigkeit.

 

Ralph Rautenberg

 

Beim Überlandwerk ist man dankbar für konkrete Hinweise auf Fehlerursachen. Denn das Leitsystem zeigt nur den Bereich an, wo ein Fehler vorliegt bzw. der Strom ausgefallen ist. Die genaue Ursache muss in diesem Gebiet gesucht werden. Bestes Beispiel: Vor fast genau einem Jahr im Februar 2019 zeigte das System einen Erdschluss an. Das heißt, es liegt ein kritischer Fehler vor, der Strom fließt allerdings vorerst weiter. Eine Anwohnerin aus der Hellgasse in Mellrichstadt rief fast zeitgleich an und berichtete über komische Geräusche aus der Station vor ihrer Tür. Ein Monteur wurde vor Ort geschickt und entdeckte einen Lichtbogen samt Kabelbrand. Die Station wurde sofort abgeschaltet. So konnte ein größerer Schaden vermieden werden.

 

So sehen die Leitungen aus, die uns mit Strom versorgen. Links sind die Erdkabel für den Dreiphasen-Wechselstrom (deswegen drei Kabel, die parallel verlegt sind) mit 20 Kilovolt (kV) zu sehen, in der Mitte eine klassische Ortsnetzleitung für die Hausanschlüsse und rechts eine 20-kV-Freileitung, wie sie über Masten gespannt wird (auch hier sind es in der Praxis drei parallele Leitungen). Fällt bei den 20-kV-Leitungen nur ein Kabel aus, entsteht ein Erdschluss, der Strom fließt weiter. Erst beim zweiten Fehler schaltet das System komplett ab.

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